Projektarbeit

Über mich und die Projektarbeit

In Hamburg geboren und aufgewachsen zog es mich gleich nach der Schule  für ein freiwilliges soziales Jahr nach Costa Rica. Bereits nach wenigen Tagen, zurück in Deutschland, kam der recht plötzliche Entschluss nach Lateinamerika zurück zu gehen und mein Studium dort zu absolvieren. So landete ich 2004 in Argentinien um Soziale Arbeit an der staatlichen Universität zu studieren.

Die Vorstellung als Sozialarbeiterin mit sozialen Bewegungen zu arbeiten, war zuerst Utopie und Traum, fesselte mich und wurde so zum herausfordernden Sprung ins Ungewisse. Ich arbeitete zunächst mit den landlosen Bauernbewegungen (Movimiento Sin Tierra und Movimento Campesino) zusammen; später erkundete ich die Berggemeinden in der Anden-Provinz „Catamarca“. Hier befinden sich die beiden derzeit größten Goldminen Argentiniens.

Diese Minen haben krasse Auswirkungen auf die Umwelt und auf die in der Nähe lebenden Menschen. Soziale Verwerfungen, Verlust der Lebensgrundlagen (Land, Wasser etc.) und korrupte Politik bis hin zu Erkrankungen, Gewalt und Erpressung bestimmen den Alltag vieler Menschen. Die lokale Kultur und traditionell selbst bestimmte wirtschaftliche und soziale Strukturen zerbrechen, und die Betroffenen werden oftmals bewusst durch subtile Maßnahmen seitens der Minenkonzerne beeinflusst und gefügig gemacht.

In der Zeit vor Ort lernte ich die lokalen Widerstandsbewegungen, die mit Wut und Hoffnung für die Region und Ihre Kultur kämpfen, kennen. Überzeugt, dass ein wirklicher Wandel „von unten“ beginnt, entstand die Idee, gemeinsam mit den sozialen Bewegungen und der betroffenen Bevölkerung zu arbeiten, um sie in ihrem Widerstand gegen die Dominanz und Ausbeutung der transnationalen Unternehmen zu unterstützten und zu stärken.

Die beiden eng miteinander verbundenen Kernbereiche meiner Arbeit sind die Menschenrechtsbildung und die Förderung der Selbstorganisation.

Die meisten Rechte sind historisch gesehen Produkte von „Kämpfen für Rechte“. Sie sind eine westliche Erfindung um Gesellschaften ihren inneren Zusammenhalt und sozialen Frieden zu ermöglichen. Die Menschen vor Ort haben oftmals indigene Wurzeln und daher andere Vorstellungen, Ideen, Werte und Praktiken um das soziale Miteinander zu organisieren. Um auf bestimmte Missstände aufmerksam machen zu können und konkrete Veränderungen einzufordern, ist es notwendig, dass die Menschen an ihrem jeweiligen Standort ein Verständnis für das Rechtssystem ihres Landes und der Menschenrechte entwickeln.

Die Menschenrechtsbildung realisiere ich vorwiegend durch Workshops, bei denen es um Themen geht wie das Recht auf Wasser, Recht auf sozialen Protest, Recht auf die Selbstbestimmung der Völker, Ernährungssouveränität, Biodiversität und Verteidigung der individuellen und kollektiven Freiheit. Die Workshops beinhalten in der Praxis Diskussionen darüber, wie die eigene Lebenssituation verantwortlich gestaltet und selbst bestimmt werden kann. Dabei spielt das Kollektiv, oder anders, die lokale Gemeinschaft eine große Rolle, denn letztlich wird es nur gemeinsam möglich sein, die lokale Kultur, traditionelle Lebens- und Produktionsweisen etc. zu verteidigen und zu stärken.

Die alltäglichen Erfahrungen der Bürger in den Gemeinden sind immer Ausgangspunkt und Basis der Workshops. Denn die Vermittlung von Wissen über z.B. soziale, kulturelle und politische Rechte wird nur dann fruchtbar, wenn es im Licht persönlicher Erfahrungen analysiert und interpretiert wird. Dadurch kommen die Menschen in die Lage Rechte für sich zu nutzen und einzufordern. Für den Bereich der Selbstorganisation bedeutet es, gemeinsam mit den Menschen Handlungsalternativen zu entwickeln und Strategien zur kollektiven Verteidigung der Rechte in konkreten Situationen gemeinsam zu erarbeiten und umzusetzen. Dadurch werden letztlich auch die solidarischen Beziehungen in den Gemeinden gestärkt und erneuert.

Der Bereich der Selbstorganisation beinhaltet neben Workshops auch regionale und Nationale Vernetzungsarbeit. Die Verbindungen und Beziehungen zwischen Menschen in den unterschiedlichen Gemeinden und gleichzeitig zu nationalen sozialen Bewegungen und Netzwerken ermöglichen den Informationsaustausch, gemeinsame Aktionen und solidarische, gegenseitige Unterstützung. Oftmals agiere ich dabei als Informationsüberbringerin oder beteilige mich an der Organisation von Treffen und Bündnissen.

Die verschiedenen Aktivitäten der Gruppen in der Region lassen sich nicht nur als Widerstand gegen den Goldabbau verstehen. Sie überschreiten dieses konkrete Problem und ermöglichen eine soziale und selbst bestimmte Entwicklung. Die Diskussionen drehen sich also nicht nur um den Widerstand gegen die Minen und die Probleme die mit diesen einhergehen, sondern auch um die Suche nach dem „guten Leben“.  Wie und in was für einer Welt wollen wir leben? Wie können Werte wie Solidarität wieder gewonnen werden?

Die Auseinandersetzung mit den Goldminen hat zur Folge, dass über die konkrete Betroffenheit hinaus wirtschaftliche und soziale Verhältnisse und Kräfte hinterfragt und  denaturalisiert werden. In den Auseinandersetzungsprozessen entdecken sich Menschen  durch ihre ähnliche Lebenssituation und Betroffenheit neu als Gruppe und letztlich als Gemeinschaft.  Passivität, Unsicherheit und soziale Fragmentierung können dadurch überwunden werden und alternative Entwicklungs-, Produktions- und Gesellschaftsmodelle gedacht  und realisiert werden.

Das Projekt ist für mich also sowohl eine berufliche als auch persönliche Herausforderung. Es erfüllt mich aktiv bei gesellschaftlichen Prozessen mitzuwirken, Impulse zur Verbesserung des sozialen  Miteinanders zu geben und neue Perspektiven zu öffnen. Es ist ein Prozess des gemeinsamen Lernens auf der Suche nach einer Welt die für alle lebenswerter wird.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: