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Andalgalá-ein merkwürdiger Name

 

In Argentinien, in der Provinz Catamarca, gibt es einen kleinen Ort, Andalgala. Vor knapp einem Jahr hörte ich in einem Seminar über “juristische Werkzeuge gegen das Vordringen der Goldminen”, das erstemal den Namen des Ortes.

Ein etwas über 50 jähriger, aber wesentlich älter wirkender Bauer berichtete, was in seinem Herkunftsort, Andalgalá, vor sich ging.

Oft musste ich diesen etwas merkwürdigen Namen wiederholen, bis ich ihn mir richtig merken konnte. Heute vergeht kaum ein Tag, an dem ich ihn nicht ausspreche oder höre. Nun gut, dieser Mann berichtete also, dass Andalgalá einer der direkt betroffenen Gemeinden, von der derzeit grössten Goldmine Argentiniens “La Alumbrera” ist. Die Mine baut seit über 10 jahren im Nordwesten des Landes Gold ab und verursacht verheerende soziale ökologische, kulturelle und wirtschaftliche Folgen für die lokale Bevölkerung. Von der Mine hatte ich bereits gehört, denn in den vorherigen Wochen hatte eine öffentliche Diskussion begonnen. “La Alumbrera” (hinter dem die Yamana Gold Company steht) hatte allen staatlichen Universitäten im Land Fördergelder angeboten. Nun wurden öffentlich über die Annahme oder Ablehnung dieser Gelder diskutiert. Um nicht zur Marionette von transnationalen Unternehmen zu werden  hatte man in Cordoba sowie an vier weitere Universitäten die Gelder abgelehnt, die restlichen Universitäten im Land jedoch nahmen sie an.

Eine Stadt die auf Gold gebaut ist

Aber um nun zum Thema zurückzukommen, der Mann berichtete von einem neuen Minenprojekt “Agua Rica”, das wenige Kilometer entfernt von der Gemeinde, in Betrieb genommen werde sollte. Weiter berichtete er, dass man an Papiere gekommen sei, die belegten, dass die Regierung eine neue Erlaubnis unterschrieben hatte, der nach Gold und andere Mineralien, die sich direkt unter der Stadt befinden abgebaut werden dürfen, wenn der Bevölkerung für ihre Umsiedlung eine Entschädigung gezahlt werden würde. Diese Nachricht erscheint natürlich nirgends in den öffentlichen Medien. Aber von da an war Andalgalá ein Thema in den alternativen Medien und ist landesweit und international in vieler Munde. Die Widerstandsbewegung, die seit dem in der Gemeinde entstanden ist, ist zum Beispiel für viele andere sozial-ökologisch-politischen Bewegungen geworden.

Das Ultimatum

Seit Dezember 2009 hat die Asamblea[1] Andalgalas “el Algarrobo” die Zufahrtsstrasse zu “Agua Rica” gesperrt und verhindert, dass die Maschinen zur Mine hinauf transportiert werden können.

Repression, Manipulation, Kriminalisierung der Proteste, Verhaftung von Aktivisten und Spaltungsversuche, regnen seither auf die Bevölkerung. Im Juli formulierten die Bewohner Andalgalas dem Unternehmen ein Ultimatum das Projekt aufzugeben. Dieses Ultimatum lief am 1º September aus. Seit Wochen hatte man in kleinen Kreisen von dem Ultimatum gehört und auch, dass es Gruppen in Andalgala und den umliegenden Dörfern gab, die begannen  sich zu bewaffnen. “Sich bewaffnen” in einem kleinen Bauern-Berg-Dorf, heisst: Macheten, Steinschleudern, hausgemachte Sprengkörper, hier und da eine Schrotflinte, aber mal abgesehen von den Mitteln, sind es wohl die Wut und die Erkenntnis mit anderen Mitteln nichts erreichen zu können, die hervorzuheben gelten. Alle friedlichen Proteste während des letzten Jahres haben zu nichts geführt. Die administrativen und  juristischen Wege waren ausgeschöpft und habe nur die Komplizenschaft der staatlichen Sektoren enthüllt.

Nachrichten aus Andalgalá

Wenige Tage vor dem 1º September erreichten mich Nachrichten aus Andalgala. Die Situation sei sehr gespannt und keiner konnte genau sagen, was die nächsten Tage passieren würde, dass es nun auch bewaffnete Gruppen auf Seiten des Minenunternehmen gab und dass man mit dem schlimmsten rechnete. Es fiel mir schwer, mir etwas genaues darunter vorzustellen. Man fragte mich also ob ich nicht nach Andalgalá kommen könnte um einige Workshops zum Thema “Recht auf sozialen Widerstand” und “Kriminalisierung der Proteste” zu geben. Einen Tag lang zögerte ich, die Busfahrt war lang, aber dann erschien es mir zu wichtig, als dass ich ruhig zu Hause hätte sitzen bleiben können.

Ankunft in Andalgalá

Nach drei Monaten, die mir wie eine Ewigkeit vorkommen, bin ich also wieder in Andalgalá, diesem Ort mit seinem Menschen, die mich so sehr faszinieren und die ich so sehr ins Herz geschlossen haben, bei meinem letzten Besuch im Mai.

Nach zwölf Stunden Busfahrt komme ich an, es ist morgens um halb elf, ich laufe in Richtung Dorfplatz von weitem sehe ich bereits Menschentrauben versammelt. Als ich näher komme, erkenne ich erste bekannte Gesichter. Freudige Begrüßungen, Umarmungen, viele Worte, viel Lachen. Aber ganz bald spüre ich, was hinter den erfreuten Gesichtern noch alles anwesend ist; viel schneller als gewohnt verstummt das freudige Geschnatter und es ist nicht einfach, leichte “oberflächliche” Gespräche aufrecht zu halten. Alle scheinen in Gedanken woanders zu sein, Anspannung und Ernst sind vorherrschend. Ich verbringe den Rest des morgens damit, mich durchzufragen, was der Stand der Dinge ist, was bisher passiert und was geplant ist. Mir wird berichtet, dass das Unternehmen “Agua Rica”, Arbeitslose aus der Stadt als angebliche Marktverkäufer angestellt hat, die an Ständen rund um das Bürogebäude Agua Ricas regionale Produkte anbieten. In den Medien schmückt sich das Unternehmen, mit “sozialer Verantwortung” und Schaffung von Arbeitsplätzen. Die Stände sind allerdings weitgehend leer, hier und da eine hausgemachte Marmelade, ein Kaktus im Blumentopf, ein gehäkelter Schal, ansonsten leere Holztische. Der zweite, nicht offizielle Teil der Geschichte besteht darin, dass ausserdem alle mit Schusswaffen ausgestattet wurden und dem Auftrag, das Gebäude zu verteidigen. Der Markt war also kein Markt sondern eine Art menschlicher Schutzschild. Mir wird irgendwie mulmig und schlecht und trotzdem durchschaue die Situation noch nicht ganz.

Der 1º September

 Am nächsten Tag ist dann also der 1º September. Morgens um neun fängt die Versammlung auf dem Dorfplatz an, permanent brennt ein Lagerfeuer und es wird gekocht und gebacken, viele drängen sich um das Feuer, um der Kälte wenigstens ein bisschen entgegenzuwirken.

Alle drei Stunden findet eine Asamblea statt und für den Abend ist eine Demo geplant. Ich fühl mich etwas verloren, verstehe die Zusammenhänge noch immer nicht richtig.  Hatte ich doch einen Massenaufstand erwartet, aber es nähern sich den ganzen Tag über erstaunlich wenige Menschen, nur etwa 150 sind permanent anwesend. Die Gesichter sind noch ernster als gestern, die Spannung scheint die Luft zu erfrieren. In den Asambleas wird wenig gesprochen, nur eine Hand voll Personen versuchen die Situation zu analysieren, interpretieren und zwischen den verschiedenen Gruppen zu vermitteln.

Mittlerweile wurde gegen zwei Mitglieder der Asamblea  Haftbefehl erlassen, sie sollen sich am Nachmittag bei der Polizei präsentieren. Fast alle Radiosender wurde gestört und nirgends in Andalgalá ist ausser dem Mienen-Sender, Radio zu hören.

Am Rande des Platzes sammeln sich immer wieder kleine Gruppen, huschen hin und her, verschwinden wieder. Jemand erklärt mir, dass es die bewaffneten Gruppen del Pueblo[2] sind, dass viele weitere in den Barrios[3] warten bis es los geht. Sie sind ungeduldig, wollen ihren Plan durchführen, das Gebäude Agua Ricas stürmen und in die Luft jagen, denn heute ist der 1º September und das Ultimatum läuft aus.

Der Menschenschild, bewaffneter Marktverkäufern, war jedoch nicht Teil der Planung gewesen. Sie warten auf ein “Okay, es geht los”. Aber niemand will dieses „Okay“ geben.

Die Bevölkerung ist weitgehend abwesend, alle wissen von den bewaffneten Gruppen del pueblo. Ihre Existenz wurde in den letzten Wochen in den Medien breitgetreten, Angst in der Gemeinde auslösend und die klare Botschaft “misch dich nicht ein” vermitteld. Ausserdem steckt vielen die brutale Repression vom Februar noch in den Knochen. Eine Frau berichtet, dass ihr zwölf jähriger Sohn an diesem Tag durch Gummigeschosse erblindet sei, sie sich aber nie getraut habe eine Anzeige zu erstatten, ein anderer Mann erklärt, dass er die Repression gefilmt und das Material dem Menschenrechtssekretariat vorgelegt hat, wo man ihn jedoch ohne das Filmmaterial anzugucken wieder weggeschickt hat .… viele sind wohl deswegen zu Hause geblieben.

Die Spannung steigt von Stunde zu Stunde und wird immer erdrückender.

Ich fange mit den Workshops an und bin froh abgelenkt und beschäftigt zu sein. Jedoch fühle ich mich fehl am Platz fühle, ich rede von Demokratie und Rechten und befinde mich dabei in einem rechtsfreien Raum und es kommt mir fast absurd vor. Trotzdem nehmen in all den Tagen viel mehr Menschen an den Workshops teil, als ich erwartet hatte. Gemeinsam versuchen wir die aktuelle, konkrete Situation im Licht der Konzepte und Rechte zu analysieren, die Strategien im Handeln von Staat, Medien, Institutionen und Unternehmen zu erkennen. Und kommen zu dem Ergebnis, dass alle Expressionsformen und viel der demokratischen Grundrechte inexistent sind: vom korrupten Politiker, über die Manipulation der Medien, bis hin zur Kriminalisierung der Akteure und Unterdrückung der Proteste, wobei doch der soziale Protest das erste und letzte aller Rechte sein sollte, denn er ermöglicht den öffentlichen Ausdruck der Situation, der Menschenrechtsverletzungen, der Meinung und Bedürfnisse der Bevölkerung, die auf anderem Wege keine Aufmerksamkeit erhalten …. . Die Kriminalisierung der Proteste erscheint klar als eine weitere Strategie der Machtsektoren, die selbigen aus ihrem Kontext zu reissen um sie somit deslegitimisieren zu können. Der Austausch mit den Teilnehmern ist wirklich bereichernd, interessant und spannend und ich lerne jede Menge dazu. Auch weil ich diesen Workshop bisher nur in anderen Räumen gehalten habe, mit Menschen die zwar theoretisch und praktisch interessiert waren, aber nie so akut betroffen waren wie in dieser Situation.

Einer der Workshop mit Jugendlichen auf dem Dorfplatz:

Zur Demo am Abend versammelten sich dennoch einige hundert Menschen, drei Runden um den Dorfplatz ist seit einem Jahr die Tradition, bei der es auch an diesem Abend bleibt, obwohl sich das Gebäude von Agua Rica nur zwei Häuserblocks entfernt befindet. Die Demo ist laut und bunt, es wird gesungen, getanzt, gegrölt.

Ich war froh am Abend im Bett zu liegen, ohne dass das, wovor viele Angst hatten, passiert war.

Die Asambleas

Am folgenden Tag wird mit Fahrrad, Megafon und Autos mit  Lautsprecherboxen auf dem Dach versucht die Bewohner in den Barrios über den Stand der Dinge und der geplanten Aktivitäten und Asambleas zu informieren, da die Radiosender weiterhin gestört bleiben.

Die Spannung hält an, aber drei lange Tage mit permanenten Asambleas bringen allmählich etwas Klarheit in die Situation und das Vorgehen des Unternehmens sowie die Rolle der Regierung.

Bereits einen Tag vor dem 1º September hatten Richter, Staatsanwalt und Bürgermeister samt ihrer Familien die Gemeinde verlassen, die örtliche Polizei war nur mit einem Minimum an Personal besetzt – der Staat hatte also all seine “Augen” von Andalgalá abgewandt.

Auch wird die Komplexität der Strategie Agua Ricas einen “Menschenlichen Schutzschild”  um das Gebäude aufzubauen, allmählich durch die Diskussionen in den Asambleas deutlicher. Es ging nicht nur um die Verteidigung des Gebäudes, sondern das Unternehmen hatte wieder einmal eine Spaltungsstragegie entworfen, denn die “angestellten” Arbeitslosen, waren grossteils Anwohner Andalgalas, also Bekannte, Nachbarn oder Verwandte. Dem Thema Goldmine, kann man sich in Andalgala nicht entziehen: man ist dafür oder man ist dagegen. Freundschaften und Familien sind zerbrochen. Misstrauen, Neid, Verdacht unter Nachbarn gesät, “wer hat (in seiner Not) Geld, Spenden, Kredite oder Arbeit vom Unternehmen angenommen?”

Aber mal abgesehen von den Feindseligkeiten, bestand eine weitere Facette der Strategie darin, pro-mineros und anti-mineros  (alles Anwohner der Gemeinde) einander gegenüber zustellen und eine Art Bürger-Krieg herraus zufordern.  Bei einem solchen Zusammenstoss bliebe Agua Rica also ohne jegliche politische Verantwortung und sei fein aus dem Spiel, die Polizei könnte einschreiten um den “sozialen Frieden und die Ordnung” wieder herzustellen.

Die erwartete Gewalt, der, ja beinah geplante Zusammenstoss blieben allerdings aus.

Stunden und Stunden dauerten die Asambleas und trotz Kälte und Wind blieben die Menschen. Viele hatten nie zuvor öffentlich vor so vielen Menschen gesprochen und erst am zweiten Tag brach die Schüchternheit. Kinder und Greise ergriffen das Mikrofon und drückten ihre Meinung, Vorschläge, Zweifel, Ängste, Fassungslosigkeit, Erschütterung, Zustimmungen und Ablehnungen, Bilanzen und Vorstellungen aus.

Einige Aussagen brennen sich mir ein, so zum Beispiel ein junger Mann aus Belén, einem nahe gelegenem Dorf. Er tritt ans Mikrofon und erzählt mit Tränen in den Augen, er habe seine Arbeit aufgegeben sich von seiner Familie verabschiedet und seinen kleinen Kindern gesagt, er würde nun in den Krieg ziehen, in den Krieg um das Leben zu verteidigen und die Zukunft seiner Kinder und nicht eher zurückkehren ehe dieser Krieg gewonnen sei.

Neben der Sprachlosigkeit, Erschütterung und den Emotionen gibt es aber auch die andere Seite Musik, Freude, Gesänge, Tanz, Kreativität, ganze Familien nehmen teil, Trommeln, Jongleure, Tänze, Feuer und viele Farben schmückten den Dorfplatz.

Die Diskussionsschwerpunkte verlagern sich allmählich es geht um die Verteidigung des Lebens, der eigenen Lebensform, dem Grundelement Wasser, der eigenen kulturelle Identität, der territorialen Rechte, es geht nicht mehr darum gegen Agua Rica vorzugehen, das Gebäude zu sprengen oder die Mine zu besetzten – das Bewusstsein der Verletzungen der Grundrechte wird stark, es kristallisieren sich die direkten Verantwortlichen und Komplizen heraus. Die korrupten Politiker, die Genehmigungen unterschreiben , Richter und Staatsanwälte, die das Justizsystem in den Dienst der transnationalen Unternehmen stellen, Bürgermeister, Priester….

 

Neuer Mut wird gefasst. Am dritten Tag kommt es endlich zum Konsens. In den Gesichtern ist nicht mehr die Angst und Anspannung, sondern Tatendrang, selbst in den der bewaffneten Gruppen findet man Erleichterung, ein Lächeln und etwas von Wut, die sich allerdings ins Konstruktive verwandelt hat. Der Dorfplatz ist endlich voll mit Menschen, das Vertrauen wiedergewonnen; alle wollen reden, es sprudelt an Ideen und neuen Strategien. Die Asamblea hat es wieder geschafft die “sabiduría del pueblo”[4] sprechen zu lassen.

Das Ultimatum läuft nicht aus sondern beginnt

Konkrete Aktionen werden geplant, zum Beispiel wurden am selben Tag über 50 Anzeigen von Seiten der Bevölkerung formuliert gegen das Minenunternehmen und das Handeln einiger der staatlichen Autoritäten und bei der Polizei präsentiert. Viele, die sich bisher nicht getraut hatte, aus Angst vor neuen Schikanen, Angst deswegen ihren Arbeitsplatz zu verlieren oder irgendeinen anderen Grund, wagten sich an diesem Tag.

Ausserdem wurde eine Karawane durch die verschiedenen Dörfer Catamarcas geplant, mit Autos, Pferden, Fahrräder und allem anderen was zur Fortbewegung dient. Enden soll die Karawane in der Provinz Hauptstadt vor dem Obersten Gerichtshof, mit der Forderung den Richter Andalgalas abzusetzen.

Eine weitere Aktion haben die Frauen geplant, sie wollen samt Kindern das Rathaus besetzten, bis es konkrete Antworten gibt. Strategisch wohl überlegt, denn Frauen und Kinder sind (öffentlich) unantastbar in der stark machistisch-patriakalen geprägten Dorfkultur. Eine Unterdrückung oder Räumung würde zu mindestens die Medienpräsenz, sowie die, des Grossteils der Bevölkerung Andalgalas garantieren.

Die Männer derweilen wollen die Gemeinde-Justiz in Bezug nehmen.

Andere die Kirche und alle den Bürgermeister.

Sicherlich werden diese Aktivitäten nicht direkt dazu führen, dass die Mine nicht Betrieb genommen wird, aber ich denke es ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, denn die Partizipation und der Kompromiss der Bevölkerung waren beeindruckend. Die direkten Verantwortlichen konnten identifiziert werden, die aktuelle Politik, Regierungsform, Rolle der Medien, Machtverteilung, sowie die Rollen der Beteiligten und der Gemeinde problematisiert werden. Die Form in Asambleas zu arbeiten erwies sich also wieder einmal als weit mehr als nur eine Methode um konkrete Aktionen zu planen. Ein Freiraum, der die Partizipation anregt, ermöglicht, fördert und stärkt. Eine wirkliche Alternative zur repräsentativen Demokratie, eine Möglichkeit, in der die Beteiligten auf horizontaler Ebene zum kollektiven Protagonisten werden. In diesem Sinne war die intensive Woche in Andalgala ein voller Erfolg, vielleicht nicht direkt gegen die Mine aber dafür für die Gemeinde. Denn immer klarer wird, dass keine juristische Aktion, kein wissenschaftlicher Bericht oder sonst dergleichen zu etwas führen können, wenn diese nicht von einer sozialen Bewegung getragen werden. Und dass es nur diese Bewegung ist, die eine Alternative zum aktuellen System vorleben und dieses fordern kann. Alles andere können nur Werkzeuge sein. Und ja, sicherlich werden sich die eine und andere NGO bald um rechtlichen Angelegenheiten kümmern. Irgendein Akademiker mit wissenschaftlichen Forschungen und legitimiertem Wissen belegen, was in Andalgala vor sich geht und was die Bevölkerung schon seit langen weiss.


[1] Bürgerversammlung

[2] Bewaffnete Bauern Gruppen

[3] Stadtrandvierteln

[4] Weisheit des Volkes

August 2010

UAC – Union de Asambleas Ciudadanas

UAC steht für Union de Asambleas Ciudadanas- . Es handelt sich dabei um eine Vereinigung argentinischer Bürgerinitiativen, die gegen die Ausbeute, Kontaminierung arbeiten und für die Verteidigung der „Gemeingüter“, der Gesundheit, Menschenrechte und Selbstbestimmung der Völker. Die UAC entstand aus der Notwendigkeit die verschiedenen Gruppen, Initiativen und Aktionen zu vernetzen, die in den letzten Jahren im ganzen Land als Ablehnung gegen systematischen Vordringens der zerstörerischen (transnationlen) Unternehmen und Komplizitaet des Staates entstanden sind. Der Grundgedanke der UAC liegt in der Überzeugung, dass die Volksbefragung, Beteiligung und Selbstbestimmung der Bevölkerung der Weg ist, um ein sustentables regionales Entwicklungsmodell zu erreichen, das die Ökosysteme, die regionale Wirtschaft, Kultur und Identität respektiert und gewährleisten kann.

Die UAC ist ein Netztwerk von weit mehr als hundert Gruppen und Organisationen. Sie ist ein Raum des Austauschs, der Diskussion, Konstruktion von kollektiven Ideen, Wissens und Aktionen.Gleichzeitig ist die UAC ein Raum, den sich die Asambleas und Gruppen selbst gegeben haben, mit der einfachen und grundlegenden Überzeugung das die Vernetzung Kraft gibt. Es gibt keine direktive Instanz, Komitee, Leitung oder Sprecher, die sich über den Teilnehmern befinden. Man kann es also als einen neuen politischen Freiraum bezeichnen, der einer partizipativen Demokratie Raum gibt. Alle Entscheidungen werden im Plenarium und durch Konsens getroffen (es gibt keine Abstimmungen oder Stimmwahl).

Alle drei Monate findet ein Treffen aller  Asambleas an einem jeweils anderen Ort im Land statt.

Im August 2010 fand die 8. UAC in Santiago del Estero statt

Es war 4 anstrengende und gute Tage, es wurden viele neue kollektive Strategien erarbeitet, Aktionen auf Landesebene koordiniert. und gleichzeitig war es für mich eine gute Chance neue Kontakte zu knüpfen und bestehende zu pflegen.

Diese UAC war eine besonders wichtige, da ein qualitativer Schritt getan werden konnten. Bisher haben die UACs in erster Linien zur Analyse der verschiedenen territorialen Konflikten gedient. Es war erstmal nötig die verschiedenen Problematiken im Land kennenzulernen und gemeinsame Nenner zu erkennen. Nun war der Punkt erreicht, an dem entschieden wurde, dass der Schritt von der Diagnose und Reflexion hin zur direkten Aktion folgen muss. Also wurde beschlossen, dass die nächste UAC, in Andalgala stattfinden wird, aber nicht wie bisher üblich, als 4 tägiges Treffen an einem „geschützten Ort“ mit Arbeit in Kommissionen und Plenarien, sondern dass eine Strasse blockiert wird, das Gebäude des Minenunternehmens oder, der Traum aller die Mine selbst besetzt wird.

Ich muss oft an den Atomwiderstand in Deutschland denken. oft helfen mir die Erfahrungen weiter, oft muss ich aber auch feststellen, dass sich zwei soziale Bewegungen (noch dazu in so verschiedenen sozial-wirtschaftlich und politischen Kontexten) einfach überhaupt nicht vergleichen lassen. ich hatte einige Bedenken, was die Akzeptanz der direkten Aktion beinhaltet. die Entscheidung zur direkten Aktion wurde im Plenarium so gut wie nicht diskutiert. also habe ich sie zwei mal versucht das Thema zu problematisieren, da ich bedenken hatten dass, wenn es zur Aktion kommt, nicht alle bereit sein werden den Schritt zu tun, die Legalität zu überschreitet oder zu mindestens vom zivilen Ungehorsam Gebrauch zu machen. Aber meine Bedenken fanden wenig Anerkennung. Da ich diese damit aber nicht gelöst hatte, habe ich das Thema in den letzten Wochen hier in Cordoba bei den verschiedenen Asambleas wieder auf den Tisch gepackt, mit dem selben Resultat, die Bedenken blieben meine alleinigen. Seit der letzten UAC wird nicht nur vom Widerstand gegen ein Produktionsmodell gesprochen sondern von Staatsterrorismus und Völkermord, die durch dieses Model erzeugt werden. Die Radikalität in den neuen Konzepten wird also in der Entschlossenheit im Handeln widergespiegelt und erklärt vielleicht somit, dass meine Bedenken nicht geteilt wurden.

Ich stecke mitten im Netzwerkstricken und pendle hier in der Provinz zwischen den verschiedenen Asambleas und Gruppen hin und her, bin fast täglich bei einer anderen Asamblea und von Vermitteln, Diskussionen anregen, Daten, Ideen, Strategien systematisieren, gemeinsam mit einigen Asambleas ihr Entstehungs- und Entwicklungsgeschichten rekonstruieren und analysieren, Erklärungen redaktieren, im Radio reden bis Flaggen nähen befindet sich grad alles unter meinen Aufgaben. mit dem Zielobjekt, die Vernetzung der lokalen Gruppen zu fördern, da diese ausserhalb der UAC meist sehr fragmentiert arbeiten, teils wegen Mangel an Wissen über die Existenz und Tätigkeiten der anderen, teils durch politisch-ideologische Diffenerezen. So gibt es beispielsweise wenig Artikulation zwischen der Bauernbewegung (die vor allem gegen die Bauernvertreibung und Sojamonokultur arbeiten) und den anderen sozial-politisch-ambientalen Gruppen, die sich wiederum je nach Thema fragmentieren.

Ein wichtiger Bereich ist die Identifizierung mit als UAC als permanente sozial-politisch-ökologische Bewegung auf Landesebene. Das fordert Arbeit im Bereich Identifizierung und Analyse der Gemeinsamkeiten (und Konfliktpunkten) also Organisation nach innen, sowie Organisation zwischen der verschiedenen Gruppen, um permanente Präsenz im öffentlichen Raum zeigen zu können als UAC, ohne das alle einzelnen Gruppen immer anwesend sein müssen und wertvolle Energien dabei verloren gehen

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