Archiv | Februar, 2013
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Liebe Freunde

7 Feb

otro mundo es posible

Liebe Freunde! Liebe Mitstreiter! Liebe Projektmitglieder!

Allen voran, möchte ich euch ein schönes, gutes, erfolgreiches, ausgeglichenes, kreatives, bewusstes neues Jahr wünschen.
Und uns allen, auch im Namen der Gemeinden hier vor Ort Danke aussprechen, das dieses einzigartige Projekt möglich ist.
Jahresanfang ist wohl der Moment für Rückblicke und Reflexionen und auch ein Moment dafür sich die Frage nach dem Fortgang des Projektes zu stellen.
Das heisst zum einen zu wissen, was die Möglichkeiten, Wünsche und Vorstellungen aller Beteiligten am Projekt sind. Lieber Niklas, Josef, Lutz und liebe Lucy ich würde mich freuen, wenn ihr ein bisschen berichtet was euch motiviert ein soziales Projekt, und speziel dieses Projekt zu unterstützen. Der Austausch ist gut und wichtig, liefert Sichtweisen damit das Projekt sich entwickeln kann, neue Horizonte suchen kann, alte festigen oder ablegen. Danke Leo, danke Franz für eure Kommentare, Meinungen und Beiträge, für eure so aktive Begleitung des Projektes, danke auch an Lutz und Lucy, die ihr mir oft durch euer offenes Ohr mehr Klarheit in mein Situation bringt. Ich denke wir alle haben uns mit diesem Projekt auf neues Land begeben, ein Projekt, das nicht den üblichen Strukturen eines Entwicklungshilfe Projektes entspricht und auch nicht sein will, wie allein schon der Name „Transnationale Solidaritäts-und Lernpartnerschaften“ sagt. Entstanden ist das Projekt mit der Idee eines gegenseitigen Lernens, Austausches und der Konstruktion einer besseren Welt, an der jeder von seinem ganz persönlichen Standpunkt und Möglichkeiten beteiligt sein kann. Für mich bedeutet es auf unabhängigen Weise in den Gemeinden sozialen und politischen Arbeit leisten zu können, flexibel, auf die sich stets wandelnden Kontexte und Bedürfnisse eingehen zu können und an keine starren Projektstrukturen gebunden zu sein. Diese Möglichkeit, direkt mit sozialen Bewegungen zu arbeiten, wo der Kompromiss in erster Linie den Gemeinden selbst gilt, ist einzigartig. Eine Freiheit, die in manchen Momenten aber auch drückend und schwer ertragbar ist. Auch gab es Momente mit Sehnsucht nach einer festeren Struktur und der Möglichkeit Verantwortung abgeben zu können, nach einem Arbeitsteams, einer direkten Rückmeldung „ der Chefetage“ oder einfach einem Rat, ob ich richtig liege oder mich völlig auf dem Holzweg befinde. Sicherlich sind das alle Elemente, die der Sozialarbeit und jedem unabhängigen Projekt eigen sind. Und so versuch ich sie auszuhalten und zu lösen oder sie der Zeit zu übergeben damit diese ihren Lösungbeitrag leisten kann.
Zurück zu euch, schreibt auch gerne, was ihr über die Berichterstattung auf unserem Blog denkt, lest ihr die Berichte, erscheinen sie euch interessant, sind sie zu lang, zu spezifisch, zu selten, welche Informationen und Einblicke würdet ihr gerne erhalten, habt ihr Anregungen, Kritik, Ideen oder Fragen? Hinterlasst auch gern Kommentare auf dem Blog!

Zeit vergeht

Fast drei Jahre intensiver Feldarbeit liegen nun hinter mir. Meine erste wirkliche berufliche Erfahrung, ich habe unglaublich viel gelernt, bin mit viel Enthusiasmus und vielleicht auch mit vielen Illusionen und einigen Utopien ins Feld gezogen. Die Realität hat mich viel lernen lassen, besonders, dass die Geduld und der Irrtum fester Bestandteil meiner Arbeit sind, Flexibilität und Strategiewandel grundlegende Tugenden sind, dass meine Vorstellungen und Ziele nicht (immer) die selben der Gemeinde sind und auch nicht wichtiger, als die der Gemeinden. Und ich habe gelernt meine Achtsamkeit für die Möglichkeiten und Bedürfnisse der Gemeinde zu schärfen um eine für alle Beteiligten nützliche, bereichernde und konstruktive Arbeit leisten zu können. Im Vordergrund steht nicht ein a priori formulierter Arbeitsplan, auch wenn dieser immer existiert und Leitfaden ist, sondern vielmehr eine gemeinsame Konstruktion mit vielen Beteiligten, die Tag für Tag neu definiert, verteidigt und erarbeitet werden muss, wenn das Projekt nicht in starre, autoritäre oder bevormundende Strukturen verfallen will. Das Projekt wurde geboren mit der Grundidee zu mehr Freiheit, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit in den Gemeinden beizutragen. Ich habe mich aber auch in Situationen wiedergefunden, in denen die Gemeinden nicht nach mehr mehr Freiheit und Gerechtigkeit suchten und musste dies als ihren selbstbestimmten Weg respektieren.

Kurzgefasster Jahresrückblick:

Das  vergangene Jahr begann mit den grossen regional koordinierten Blockade auf den Zufahrtsstraße zur Mine LaAlumbrera

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Die folgende Stilllegung des Minenbetriebs, aufgrund fehlenden Materialnachschubs, wurde nach zwei Monaten mit Polizei und Militätgewalt beendet. Nach Auflösung der meisten Blockade (in Tintogasta feiert die Blockade allerdings in diesem Monat ihr einjähriges ununterbrochenes Bestehen) begann eine neue Phase der Unterdrückung, diesmal mit viel subtileren Formen, Angst in der Gemeinde säend. Dazu zählen die Individualisierung z.B. Entlassungen am Arbeitsplatz, Schüler,deren Eltern an den Blockaden beteiligt waren wurde von der Schule entlassen; eine Direktorin, vom regionalen Bildungsministerium abgesetzt, da sie die Räumlichkeiten und Inventar der Schule für verschiedene Aktivitäten zur Verfügung gestellt hatte, andern Orts wurde ein Pfarrer verwarnt, da er einen Gottesdienst auf der Blockade abgehalten hatte. Jugendlich berichteten sie würden nicht zur Blockade kommen aus Angst es könnte negative Konsequenzen bei der Arbeitsuche nach sich ziehen, es gab Hausdurchsuchungen ohne Durchsuchungsbefehle, andere Menschen wurden über Wochen Schritt für Schritt verfolgt. Es gab Drohbriefe, anonyme Anrufe etc….
Während des Sommers wurde die Idee und das Bewusstsein über die Notwendigkeit geboren eigene Daten, Information und Studien zu produzieren. Die Gesundheitstudie machte ihre ersten Schritte. Teils ebnete sich der Weg von alleine. An fast allen Orten, an denen ich das Projekt vorstellte, erhielt ich Zusprache und Bestätigung, jedoch je weiter sich die Orte geographisch der Mine näherten, wurde eine effektive Zusammenarbeit schwieriger. Viele anfängliche Zusagen, Interwietermine und Treffen wurden im letzten Moment abgesagt oder Daten verschwanden plötzlich. Anfänglich versuchte ich mit Verständnis, Geduld und Kreativität die Strategien neu zu erfinden, den geplanten Projektverlauf umzustellen. Irgendwann kamen aber auch Frust, Enttäuschung und das wachsende Bewusstsein dazu, dass ich das Thema unterschätzt hatte sowie die politischen Interessen, die dahinter standen. Heute weiss ich, dass dennoch viele wichtige Schritte getan wurden. Die Gesundheitstudie, auch wenn noch nicht in der Form wie anfangs geplant realisiert werden konnte, wurde zum Ausgangspunkt und zur Einganstür für die  Arbeit an vielen anderen (Krisen-) Punkten, die im Innereren der Gemeinde brodelten.

Historische Korruption, Abhängigkeit, Assistenz und Manipulation kennzeichnen die Beziehungen zwischen Bürger und Staat; die Abwesenheit eines Rechtsbewusstsein, sowie der Möglichkeiten Rechte effektiv einzufordern liefern einen äußerst fruchtbaren Boden für transnationale Unternehmen wie Barrick Gold, Yamana Gold, Agua Rica oder La Alumbrera und bieten einen schwierigen Untergrund um besagte Studien durchzuführen.

Aus sozialarbeiterischer Sicht betrete ich ein großes Feld mit vielen Fronten, Akteurren, Interessen, ungleichen Machtverhältnissen etc. Was anfangs aussah, wie der Widerstand gegen Goldminen, hat sich als komplexe Realität, mit vielen Facetten entpuppt. Ein Gewebe aus verschiedenen Konfliktherden, in dem das Thema Goldmine und ihre Konsequenzen mal im Vordergrund stand und mal völlig in den Hintergrund trat. Oft Schlüssel und Ventil war, andere tiefliegendere und strukturellere Probleme der Gemeinde, sichtbar und greifbar machte (wie beispielsweise das Thema Korruption, die nicht nur die lokale Regierung sondern nahzu alle staatlichen Institutionen durchläuft,  Gewalt in den Familien, die Rolle der Kinder in der Gemeinde, Verletzung sämtlicher Grundrechte, Umweltverschmutzung und –zerstörung etc.)

Ich erinnere an dieser Stelle an einen meiner Grundgedanken zur Projektentstehung „Überzeugt, dass ein wahrer Wandel von unten beginnt“. Gemeint ist damit der Wandel im Bewusstsein der Menschen, ihrem Denken und Handeln, und somit ihrer Autonomität und Freiheit oder eben Abhängigkeit. In Bezug auf Goldminen, als Teil eines globalen Produktions- und Ausbeutungsmodels, muss ich jetzt hinzufügen, dass eine politische Entscheidung über den Fortbestand der Minen nicht in Belen oder Andalgala getan werden kann (vielleicht hab ich dass anfangs geglaubt) und wahrscheinlich nicht einmal auf argentinischer sondern vielleicht nur auf internationaler Ebene getroffen werden kann.

Die Gemeinden habe in den letzten Jahren eine enorme Arbeit geleistet, sichtbar zu machen, was in ihren Territorien geschieht, wurden dabei selbst zum Beispiel und zur Bühne, auf der sich schlimme Formen der postkolonialen Unterdrückung und Ausbeute sowie die Mechanismen mit denen die transnationalen Unternehmen heute handeln, darstellen.
Vielleicht sind dies die Möglichkeit (das Sichtbarmachen) aber eben auch die Grenzen der Möglichkeiten der Gemeinden.

Ich beginne hier mein Arbeitsfeld, als „Sozialarbeiter in sozialen Bewegungen“ besser begrenzen zu können, ohne dabei die Gemeinde aus der Sicht zuverlieren und auch nicht die Eingangsproblematik.

 

Blicke in die Zukunft

Nach diesen drei Jahren der intensiven Gemeindearbeit, steht nun vielleicht eine neue Phase an: die Problematik weiter hinaus zu tragen. Damit kann ich mir beispielsweise vorstellen auf anderen Ebene Beiträge zu leisten,  an international (sozial) Foren teilzunehmen,  etc.
Ich denke, dass ich an einen Punkt angelangt bin, an dem ich mich aus der direkten Feldarbeit in Catamarca etwas zurückzuziehen sollte. Zum einen weil es grad keine direkten Demandas der Gemeinden gibt, zum anderen, weil ich die derzeit existierenen Informationsquellen ausgeschöpft habe und vielleicht auch aus Sicherheitsgründen. Ich habe viel wichtige Information und Daten im letzten Jahr gesammelt und will nun einfach nicht weiter ins Augenlicht der Pro-Minensektoren fallen, da ich eventuell, „zu viel weiss“. Ich glaube es ist in diesem Szenarium der Menschenrechtsarbeit, in korrupten Kontexten und der Anwesenheit paramilitärer Gruppen wichtig, regelmässig die Akteure (also mich) auszutauschen, nicht zu lange vor Ort zu sein um sich nicht unnötig in Gefahr zu bringen. Keine Sorge, ich habe weder direkte Drohungen noch ähnliches erhalten, sondern einfach nur ein Bauchgefühl, dass mir sagt ich sollte mich eine Weile aus dem Fokus zurückziehen.

Im konkreten heisst das, dass ich die Arbeit vor Ort in Belen und Andalgala zurückschrauben möchte, nicht mehr jeden Monat dorthin reisen werde.

Dennoch werde ich weiter in Kontakt mit den Gemeinden bleiben und bei konkreten Projekten und Problemen zur Verfügung stehen. Mich erstmal auf die Systematisierung des Materials konzentrieren und andere Räume suchen, wie weiter oben schon erwähnt.
Bei soviel zum Thema Minen, habe ich die anderen Projekte ganz ausser Acht gelassen, vielleicht einfach weil sie nicht Sorgenkind sind, sondern sich fast wie von selbst entwickeln . Dazu gehören die Arbeit in den Gemeinden im ländlichen Raum im Nordwesten Cordobas, die “Coordinadora ambiental y de Derechos Humanos de las Sierras Chicas“, die ich seit anderthalb Jahren auf verschiedene Weise begleite. Die Arbeit mit der Coordinadora macht mir sehr viel Freunde und ich möchte sie auch gerne weiterführen.
Zu den weiteren Projekten des letzten Jahres gehört auch eine neue Bürgerbewegung gegen die Installation einer Samenproduktion Fabrik von Monsanto in einer der ärmsten Gemeinden Cordobas. Ich konnte bisher einzelne Beiträge leisten, meine „berühmten“ Rechtsbildungs-Workshops und die Organisation einer Reihe von Dokumentar-Kino-Veranstaltungen etc.

Ein großer Unterschied zwischen meiner Arbeit hier in Córdoba und der in Catamarca ist, dass es hier in der gesammten Provinz Cordobas viele Netzwerke, Gruppen, Individuen gibt, die sich beteiligen, sich interdisziplinäre Arbeitsteams bilden und die Arbeit aus dieser Hinsicht einfach bereichend ist und eine ganz andere Qualität, als die Einsamkeit in den Bergen Catamarcas hat.

Ich plane eine Deutschlandreise im kommenden Sommer (irgendwann zwischen Juni und August). Wenn ihr vielleicht Gruppen, Menschen, Organisationen kennt, die an der Thematik und Problematik interessiert sind (damit mein ich Menschenrechte, Menschenrechtsbildung, Grundrecht auf Trinkwasser, Transnationale mega-Minen-Projekte, Ausbeute von Primärgütern, Nord-Süd-Gefälle etc), die sich über Material, Vorträge, Diskussionsrunden oder ähnliches freuen würden, dann sagt Bescheid. Ich wurde mich freuen meine Arbeit teilen und mitteilen zu können.

Soweit nun von mir. Ich wünsch euch allen alles Gute und schick euch viel Sonne in den deutschen Winter. Schön dass es euch gibt.

Eure Domi