Archiv | Juli, 2012

Wendepunkt…

20 Jul

Als ich vor zwei Wochen die Reise nach Belen antrat, war mir mulmig zu mute. Es könnte das Ende des Projekts der epidemiologischen Volksstudie werden. Aber auf einen letzten Versuch wollte ich es ankommen lassen. Vielleicht hatte man in der Gemeinde noch nicht genau verstanden worum es ging, was die Bedeutung und Möglichkeiten des Projekt sei.

Wie konnte ich mit den Ängsten, also vielmehr gegen die Ängste, arbeiten?

Fortsetztung folgt…

Nach Wochen voller Fragen und Zweifel…

19 Jul

Viele Zweifel und Unsicherheiten haben mich die letzten Wochen bezüglich der Gesundheitsstudie begleitet.
Das Projekt stockte, stolperte, wollte nicht richtig vorwärts.
So laut die Rufe nach einer eigenen Gesundheitsstudie vor einigen Monaten gewesen waren, so verstummten die Rufe plötzlich, als es darum ging sie in die Tat umzusetzen. Und ich konnte keine, mich beruhigende, Erklärung finden.
Auf der letzten Regionalversammlung war das Projekt mit offenen Armen, Euphorie, und langen Diskussionen begrüßt worden. Ich machte mich also an die Formulierung des Projektes.
Bei folgenden Reisen ließen die Gemeinden Belen und Santa Maria bereits vermerken, dass sie eine von der Gemeinde durchgeführte Gesundheitsstudie nicht für möglich hielten. Ein Expertenteam von außerhalb (etwa Ärzte und Medizinstudenten) sollten in die Gemeinde kommen; denn wenn überhaupt, dann würde nur eine derart durchgeführte Studie hinterher Glauben geschenkt werden. Eine beinahe unlösbar Aufgabe, wo sollte ich eine „Horde“ Ärzte herholen und diese in eine abgelegene Bergregion schicken, wer könnte das Ganze finanzieren, wer hätte Interesse an einem solchen Projekt, ohne dabei seine eigenen „Spielregeln“ und „Ziele“ verfolgen zu wollen?
Die Hoffnung steckte in Andalgala, der Gemeinde, die in den letzten zwei Jahren zum Symbol und Beispiel der Selbstorganisation und der sozialen Bewegungen geworden war. Und dennoch erlebte ich im Juni, womit nicht gerechnet hatte, man wollte das Projekt auch in Andalgala nicht selbst in die Hand nehmen! Die Kräfte waren ausgezerrt, auch hier forderte die Asamblea ein „Experten-Team“ und erkannte gleichzeit, dass das utopisch sei. Die Ärzte Andalgalas, die noch vor wenigen Monaten auf den alarmierenden Anstieg der Krebsrate, besonders Knochenkrebs und Leukämie bei Kindern, Multiple Sklerose, Atemwegs- und Hauterkrankungen, Parkinson-Syndrom und Missbildungen bei Neugeboren hinwiesen, wollten nicht mit weiteren Gesundheitsstudien in Verbindung gebracht werden.
Ich war planlos und so völlig überrauscht über die unerwarteten Reaktionen der Gemeinden. Zweifel und Fragen machten sich breit?

Welche ethische Verantwortung trage ich, bei der Menschenrechtsarbeit in Catamarca, wenn ich den Menschen beibringe wie ihre Rechte aussehen, worin sie bestehen, wir gemeinsam die Realität analysieren, erkennen an welchen Stellen und von wem, wie und warum sie verletzt werden und gleichzeitig weiss und sagen muss, dass ich keine effektiven Möglichkeiten erkennen kann diese Verletzungen aufzuheben, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen?
Welche Nutzten hat das Bewusstsein über die Verletzung von grundlegenden Rechten? Leben die Menschen in einer Situation, in der die Rechte unerreichbar scheinen, nicht vielleicht besser und glücklicher ohne dieses Bewusstsein? Muss ich an die Zukunft denken, die Hoffnung, dass vielleicht eines Tages die Rechte wirklich gültig gemacht werden können wenn es heute Menschen gibt, die dafür kämpfen?
Ist die Sicht in die Zukunft gerichtet? Soll ich mir vor Augen halten, dass Belen und Andalgala pragmatische Fälle sind; die Gemeinden, die direkt am Fuss der ersten und grössten transnationalen Mega-Gold-Mine des Landes liegen und Beweis sind, welchen Schaden ein solches Projekt auslöst, in Gedanken daran, dass weitere hunderte solcher Projekte entlang der Andenkette geplant sind und es Lateinamerika-weit, noch keine Epidemielogischen Volksstudien über die Folgen solcher Projekte gibt? Und dass es leider, aber sozusagen in der Verantwortung gegenüber allen anderen Völkern und Gemeinden notwendig ist, diese Verdacht oder diese Gewissheit des Desasters, mit einer Studie, in offiziell anerkannter Sprache, (also mit wissenschaftlichen Standards) zu übersetzten?

Welche ethische Verantwortung trage ich mit der Gesundheitsstudie? Die Notwendigkeit empirisches Wissen und Daten zu produzieren, die die Gesundheitsfolgen der Mega-Minen darstellen? Was bedeutet es für die Gemeinde? Vielleicht die Gewissheit, dass wenn sie weiter an diesem Ort, ihrer Heimat, ihrer Erde, ihren Bergen, leben bleiben mit großer Wahrscheinlichkeit erkranken und sterben werden. Hab ich das Recht ihnen diese Gewissheit mit einer Studie zu geben?

Habe ich das Recht den Menschen so ihre Heimat zu zerstören, den Traum von einem glücklichen Leben, ein Stück der „heilen Welt“. Sind all die Widerstaende, die es in den letzten Wochen und Monaten gegen das Projekt gab, vielleicht in dieser Angst gebettet, dem „eigentlich lieber nicht genau wissen wollen wie es um die Gesundheit der Gemeinden gestellt ist und welche Rolle die Mine dabei spielt, die man doch gelegentlich vergessen kann, immerhin liegt sie einige Bergketten weiter und man sieht sie nicht direkt. Gibt es nicht auch ein Recht auf Ignoranz und „nicht-wissen müssen“, wenn keine Änderung der Situation greifbar scheint?

Worum geht es bei der Studie, um den Kampf gegen ein Wirtschaftsmodell, eine Produktionsweise, eine Art der Ausbeute die letztlich vernichtend ist für die Gemeinden.
Was wird aufs Spiel gestellt? Das „unwissende“ Leben in den Gemeinden, der Menschen die einfach nur ein glückliches Leben in ihrem Dorf leben wollen, auch wenn sie ahnen, dass die hohe Krankheits- und Sterberate besonders unter den Jungen Menschen nicht normal ist.
Machen Wissen und Wahrheit frei? In allen Fällen? In diesem Fall?

Geht es bei dem Projekt nicht eigentlich in erster Linie um die Autonomie und Selbstbestimmung der Gemeinden?

Soll ich daran denken, dass letzte Woche hier in Cordoba die erste Gerichtsverhandlung Lateinamerikas gegen“ fumigaciones“(Flugzeugverräucherung mit Glyphosat, einem dem Agent Orange, ähnlichen Pflanzen-„schutz“mittel) stattfand. Vor einigen Jahren war ich an der Epidemielogischen Studien beteiligt, die nun als Beweismaterial in dem Fall genutzt wurden. Und diese Gerichtsverhandlung vielleicht ein erster Schritt sein kann, gegen das Modell der Soja Monokultur à Monsanto mit Einsatz hochgiftiger Pflanzenschutzmittel.