Archiv | Juni, 2012

Was ist eigentlich eine gemeinschaftliche epidemiologische Studie

18 Jun

Wie ich bereits mehrfach erwähnt habe, arbeite ich derzeit an einer Gesundheitsstudie in den Gemeinden die in der Nähe der Mine „Bajo la Alumbrera“ liegen. Einer der Hauptpfeiler des Projektes wird eine epidemiologische Gemeinschaftsstudie darstellen. Heute möchte ich ein bisschen genauer darauf eingehen, worum es dabei geht, da ich mir selbst bis vor kurzem nicht viel mehr vorstellen konnte, als das Bürger selbst die Umfragen in die Hand nehmen.

Die Epidemiologie ist eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit den Ursachen und Folgen sowie der Ausbreitung und Verteilung von gesundheitsbezogenen Zuständen in Gemeinschaften beschäftigt. Dabei werden jene Faktoren untersucht, die zu Gesundheit und Krankheit in Populationen beitragen und die Beziehungen zwischen möglichen Ursachen (wie beispielsweise Umweltfaktoren) und Folgen (Krankheiten und Wohlbefinden) gesucht.

Die Epidemiologie ist allerdings keine Spaltdisziplin der Medizin, sondern viel mehr eine, die die „Autoren und Besizter“ gewechselt hat. Sie ist auch keine Disziplin, Technik oder Methode, die versucht die Krankheiten zu qualifizieren und zu quatifizieren. Die gemeinschaftliche Epidemiologie (im Gegensatz zur klassischen Epidemiologie) ermöglicht, Gesundheit aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten; sie gehört nicht mehr der Sichtweise und dem Wissen externer Experten (auch wenn sie sich dieser bedient). Sie öffnet ein Fenster durch das sich die Pluralität der Stimmen des alltäglichen Lebens, sehen und hören lassen. Sie ermöglicht es den Gemeinden das Wort zu ergreifen um ihre eigene Geschichte zu erzählen; Blickwinkel und Worte die sich ins kolektive wandelt, wenn gemeinsam die Ursachen, die die Lebensbedingungen einschränken, gesucht werden.

Das Ergebnis ist also keine von aussen erstellte Diagnose von externen Akteuren, die strenge wissenschaftliche Regeln befolgen um die grösst möglichste Objetivität zu garantieren, sondern viel mehr eine Mischung und Artikulation von sujektiven und objektiven Elementen, die gegenseitig als komplementär zu verstehen sind um letztendlich und hier wissenschaftlichen Parametern folgend, zuverlässliche und vertrauenswürdige Information zu liefern. Dabei aber immer ein Spiegel sind, der die Klarheit und den Zweifel; die Linealität und Komplexität, die Antworten und Fragen, die das reale Leben karakterisieren, zeigen.

Die Epidemiologie stellt sich also ein eine Art Brücke dar, die zum Dialog einlädt zwischen der Gesundheit, wie sie ofiziell präsentiert wird, (in Krankenhäusern, von Ärzten, in Statistiken etc) und den praktischen Lebenserfahrung des Gesundheits- Krankheitsprozesses der Menschen in ihren Gemeinden.

Um nochmal auf den Begriff Gesundheit einzugehen, er wird hier als Synomym für Lebensprojekt verwandt, gestützt von der Perspektive der Menschenrechte (also Gesundheit nicht als unabhängige und autonome Instanz, sondern immer als ein Indikator und Grundpfeiler des Rechts auf Leben, das von niemandem verletzt werden darf weder „aktiv“ (z.B. Mord, Folter etc) noch durch Unterlassung, darf der Zugang zu dem, was ein würdiges Leben ermöglicht negiert oder unterdrückt werden (von kultureller Freiheit bis zu den essentiellen Güter wie Trinkwasser)). Des Weiteren lässt sich die Gesundheit nur verstehen wenn man sie eng in Kontakt mit der Lebensgeschichte der Gemeinden, dh ihrem wirtschaftlichen, kulturellen, sozielem, historischen Werdegangs betrachtet. Dabei wird die Epidemiologie zu einer Strategie, die es ermöglicht die gesundheitliche Realität in einem Kontext zu denken und zu überdenken und ihre politische Dimension zu erfassen.

Es geht also darum die Gemeinden zur Forschung und Selbsterforschung zu motivieren und sie somit auf dem Weg zu mehr Autonomie zu begleiten-dem Hauptziel des epidemiologischen Projektes.

Dazu nimmt die Partizipation eine zentrale Rolle in der Methode ein, davon ausgehend, dass die betroffenen Menschen aktive Teilnehmer und Protagonisten in der Identifizierung, Auswahl und Auswertung der Prioritäten, Aktivitäten und Ergebnisse sind.

Die Epidemiologie versucht Teil der Suche einer Gesellschaft oder Gemeinde nach einer besseren Zukunft zu sein: der Gültigkeit der Rechte, der Suche nach Demokratie und realen Beteiligungen, dananch, dass die Menschenrecht nicht nur Deklarationen bleiben sondern eine Realität werden.

Verfolgt wird eine doppelte Grundidee: zum einem jenes „sichtbar machen“ was nicht richtig läuft in der Gemeinde (der erste Schritt in der Wiederherstellung des Rechtes ist es, ihm Visibilität zu geben, die „institutionale und rechtliche Leere zu dokumentieren) und zum anderen die gemeinschaftliche Suche nach Lösungsansätzen, Materialien zu produzieren, die zu Anzeigen dienen können und als Beweismaterial in Anklagen und Gerichtsverhandlungen gegen die Minenunternehmen.

Wohin fuehrt der Weg der gemeinschaflichen Epidemiologie?!:

-In den Gemeinden ein kritische Lektüre ihrer Realität zu entwickeln.

-Den Gemeinden konkrete Werkzeuge bereit zustellen um ihre Situation und Probleme zu registrieren, evaluieren und an ihnen zu arbeiten.

-Situationen zu detektieren, zu interpretieren und zu konfrontieren in denen Rechte verletzt werden.

-Erkennen, dass die Gesundheit ein Lebensindikator ist, der wirtschaftliche, ambientale, kulturelle und soziale Konditionantes hat.

-Entdecken der eigenen Fähigkeiten, die verletzten Rechte anzuzeigen und gültig zu machen.

-Solidaritaet: Gesundheit ist kein individuelles „Glück“ sondern eine kollektives Recht.