Archiv | Dezember, 2011

Erfolgserlebnis

27 Dez

Villa Yacanto stoppt ein Mega-Minenprojekt
Villa Yacanto ist eine 2000 Seelen Gemeinde in Süden der Provinz Cordoba. Als die „Complejo Minero Cerro Blanco Company“, einen Antrag stellt, eine Quarz-Mine unweit der Gemeinde zu öffnen, organisierte die Gemeinde ihren Widerstand. Während mehrerer Monate, publizierten sie die Problematik in den Medien, luden verschiedene Experten zum Thema ein, organisierten Informations- und Bildungsveranstaltungen (auch ich hielt einen Vortrag). Sie traten in direkten Kontakt mit Umweltministerium der Provinz, manifestierten ihre Ablehnung nicht nur durch Demos, sonder steuerten auch Materialien über die genauen Wasserläufe der Region, Flora und Faune etc. bei. Nicht nur für die Bürger  sondern auch für die Mitglieder der Stadtverwaltung wurden Aufklärungskampagnen organisiert. So konnte die Erlassung einer Gemeindeverordnung erreicht werden, die den Bergbau aus Umweltschutzgründen in der Region verbietet. Letztlich lehnte auch das Provinzministerium für Bergbau den Antrag des Minenunternehmens ab.
Was war nun geschehen in Yacanto?Was waren die Faktoren, die den Erfolg dieser kleinen Gemeinde ausmachten? Und was sind die Unterschiede zu Catamarca?

•    Lag es an der sozialen Zusammensetzung der Bevölkerung, die so ganz anders ist, als die in den bäuerlichen Gemeinden Catamarcas? Villa Yacanto besteht zum grössten Teil aus Familien der Mittelschicht, die aus der Grossstadt kommen um auf dem Land eine alternative und gesündere Existenz zu suchen. Sie widmen sich der Permakultur und dem Tourismusgeschäft und können ihre Kinder zum studieren nach Cordoba an die Universität schicken. Ein Grossteil der Einwohner hat somitZugang zu „höheren“ Bildungund is mit den administrativen Gewohnheiten und dem offiziellen Rechtssystem, seiner Sprache und Logik, vertraut und sich diese zu nutzten machen . Auch besitzen die Menschen als rechttragende Bürger ein anderes Selbstverständnis und -vertrauen. als in Catamarca, wo die grossteils bäuerliche und indigene Bevölkerung historisch vom staatlichen Sozial-, Bildungs- und Rechtssystem „vergessen“ wurde und sich somit auch nicht als Teil dieser sieht. Nicht nur die Lebens- und Bildungsstandards sind andere, sondern vor allem auch die Lebensphilosophie (z.B. der Mensch als Teil der Muttererde „Pachamama“), und das Rechtsverständnis (z.B. kollektive territoriale Rechte). So zeigen auch die Formen des Widerstandes gegen die Minenprojekte hier ein anderes Gesicht:Die Forderungen in Catamarca gehen weit über den Stopp der Minenprojekte hinaus. Nicht nur der Bergbau wird in Frage gestellt sondern ein ganzes Produktionsmodel und politisches System, das ausländische Unternehmen direkt begünstigt ihre Extraktionsprojekte mit den Konsequenzen der Umweltzerstörung, Vertreibung der lokalen Bevölkerung, Zerstörung der lokalen Wirtschaft, Armut, etc. durchzuführen.

•    In Villa Yancanto hatte man die Lösung des Konfliktes innerhalb des Systems gesucht und gefunden. Man hatte eng mit den Ministerien für Bergbau, Umwelt und Tourismus gearbeitet und diese Entscheidungsinstanzen davon überzeugen können, dass ein Minenprojekt in der Region untragbar sei, (ohne dabei das System selbst in Frage zu stellen).
•    Ein weiterer Aspekt lässt sich sicherlich in den Wirtschaftsmodelen beider Provinzen finden. In Cordoba stellen das Soya-Geschäft und der Turismus und nicht der Bergbau die Hauptadern dar. Catamarca hingegen ist eine trockene, mit Wüsten und Gebirgen gezeichnete Region mit einer vorwiegend indigen-abstammenden Bevölkerung. Es gibt wenig fruchtbaren Boden (ausser Oliven und Kakteen wächst kaum etwas) und eine wirtschaftlich früchte-tragende Landwirtschaft im kapitalistischen Sinne ist also ausgeschlossen. Dafür ist die Region aber reich an  (radioaktiven) Mineralen und Edelmetallen . Der Bergbau erscheint oberflöchlich gesehen (wenn auch las Illusion) als einzigstes einziges wirtschaftliches Geschäft.
Sicherlich gibt es noch viele andere Gründe, die begünstigend im Falle Villa Yacanto gewirkt haben. Dennoch wäre der Stop des Minenprojektes nicht ohne den direkten Einsatz vieler hunderter Bürger denkbar gewesen. Es lässt sich einiges aus diesem Beispiel lernen, es spendet Kraft und Mut und gibt Hoffnung.

Ermordung eines Aktivisten

19 Dez

Mitte November wurde, Cristian Ferreyra ermordet, Mitglied der Landlosen-Bauern-Bewegung “MOCASE” (Movimiento Campesino Santiago del Estero) und “Vía Campesina”. Beide Organisationes kämpfen seit den 90er Jahren gegen die Invasion der Soya-Monokultur. und die damit einhergehende Entwaldung und Vertreibung von tausenden Familien.

Die Täter waren zwei Auftragsmörder, angesetzt von einem Großgrundbesitzer. Sie haben Cristian in seinem Haus, vor Augen der Frau und der Kinder erschossen, ein weiterer Aktivist wurde schwer verletzt.

Es handelt sich nicht um einen Einzelfall, sondern um die extremste Form einer facettenreichen Strategie, die versucht abschreckende Effekte auf die Menschenrechts- und Umweltaktivisten auszuüben. Dazu gehören neben der Kriminalisierung der Proteste, willkürliche Festnahmen,  körperlich Übergriffe, Brandstiftung an Häusern von Aktivisten, Vergiften und Hinrichtung von Haustiere und Viehbestand.

Mit der Ermordung zu diesem Zeitpunkt  dürfte die Agrar-Lobby ihre Entschlossenheit und ihre Stärke unter Beweis stellen wollen – ohne Rücksichtnahme auf Menschenrechte und Umweltschutz.

Argentinien gehört neben den USA und Brasilien zu den weltweit grössten Soya-Produzenten. Die Staatsregierung plant einen Anstieg um 30 % Soya Produktion in den kommenden Jahren. Das ist nur möglich mit der Erschliessung neuer Landflächen für den Anbau. Die unaufhaltsam fortschreitende Soya-Grenze verdrängt viele bäuerlichen Gemeinden und wenn diese sich widersetzten, ein „Hinderniss“ darstellen durch die Verteidigung ihrer territorialen Rechte und einer nachhaltige Landwirtschaft, kommt es zu „Zwischenfällen“ wie diesem. Ein ganzes Netzwerk aus Komplizenschaft und Korruption ist dahinter zu finden. Das Justiz System, lokale und nationale Regierungen gleichermassen einschliesst und gestützt wird durch das Schweigen der Medien, die zur Invisibilisierung der Taten in der Gesellschaft führen. Die herrschende Straflosigkeit lässt Unsicherheit wachsen. Und viele Aktivisten leben mit der Gewissheit „Ich könnte bald verschwunden sein” Dennoch haben sich die sozialen Bewegungen in den letzten Wochen ihre Stärke zum Ausdruck gebracht, die Nachricht hat sich national und internationaler Ebene verbreitet. Unter dem Druck der öffentlichen Aufmerksamkeit hat der zuständige Richter hat sein Amt abgelegt, da seine Komplizenschaft offenkundig war.